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Antoine Fabre d'Olivet


Die Goldenen Verse des Pythagoras


Edition Pleroma

ISBN 978-3-939647-28-7

200 Seiten

Hardcover mit Lesebändchen

€ 22,00



Nicht jedes Holz ist geeignet,

einen Caduceus daraus zu schnitzen

 Pythagoras

 

Wie kein anderer Autor hat Fabre d’Olivet die Goldenen Verse des Vorsokratikers Pythagoras mit Geisteskraft interpretiert und hervorragend in antike Traditionen einzusortieren gewusst. In diesen Versen atmet die erlösende Weisheit der pythagoräischen Schulung. Die Schönheit, Klarheit und Vollkommenheit der Goldenen Verse begeistern noch heute die Eingeweihten abendländischer Mysterienschulen. Für den erwachten Wanderer auf den Pfaden von Magie und Mystik bleiben sie eine Offenbarung tiefer Geheimnisse über das Streben nach Vollendung und Erlösung. Dem Verständigen wird von Anbeginn seiner persönlichen Sehnsucht bis zum letzten Ziel der Unio Mystica die wissende Hand gereicht.

Antoine Fabre d’Olivet (1768-1825) war ein französischer Schriftsteller, Philologe, Theosoph und Mitglied der Jakobiner. Als einer der Hauptkritiker warf d’Olivet seinem Zeitgenossen Immanuel Kant vor, die überirdischen Geisteskräfte des menschlichen Individuums verkannt zu haben und dieses auf die irdische Notwendigkeit und Ethik beschränken zu wollen. Um seine mystische Gesinnung zu untermauern, schöpfte der Autor unentwegt Weisheiten aus den Überlieferungen der Alten Ägypter, Perser, Hellenen, Hebräer und brachte sie in vielen Büchern seiner Leserschaft nahe. Bis zum heutigen Tag haben seine Worte ihren Glanz bewahrt.


Leseprobe:


Einleitung

Denjenigen, die Edouard Schuré Die Großen Eingeweihten (Anm: oder Eliphas Lévi Dogma und Ritual der Hohen Magie) gelesen haben, ist der Name Fabre d'Olivets kein unbekannter; durch dieses Buch sind ja auch deutsche Leserkreise mit dessen Ideen in engere Berührung getreten, denn diese bilden die Grundlagen der Großen Eingeweihten, und Schuré unterlässt nicht, wiederholt auf ihn zu verweisen. Fabre d'Olivet’s Schriften selbst sind aber wohl nur ganz Vereinzelten bekannt, sie sind längst aus dem Buchhandel verschwunden, und nur wenige öffentliche Bibliotheken besitzen das eine oder das andere seiner Werke. Sie sind auch nicht in das Deutsche übersetzt worden. Schurés Buch „Les grands Initiés" hat bei seinem Erscheinen in Frankreich zündend gewirkt, es hat sich auch in Deutschland Freunde und sogar eine gewisse Anzahl Anhänger erworben. Den von Schuré entwickelten Gedanken nachzugehen könnte daher für manche Leser von Interesse sein. Sie wurzeln in Fabre d'Olivets Werken in größerer Tiefe und Breite.

Von seinen Zeitgenossen ist Fabre d'Olivet, obwohl sie sein reiches Wissen nicht in Abrede stellten, vielfach als Visionär und Träumer hingestellt worden. Der Eindruck des Visionären wird bei oberflächlicher Betrachtung leicht durch seinen Stil und auch durch seine Darstellungsweise geweckt werden. Er ist aber viel mehr ein Analysierender und Kombinierender zugleich. Die Tätigkeit der Einbildungskraft, durch welche das innere Sehen des Visionärs vor sich geht, ist nicht das Spezifische seiner Denkungsweise. Das Denken, dessen Richtlinie doch stets von dem Empfinden beherrscht wird und das seine Grenzen in der Persönlichkeit des Denkenden beschränkt findet, lässt ihn nicht bei dem Sichten des Materials stehen bleiben, sondern zwingt ihn vorwärts zu Schlussfolgerungen: Auf scharfer Beobachtung basierend, stellt er Vergleiche an; diese führen ihn dann zu Kombinationen, aber nicht zu Visionärem. Gebunden an persönliche Gesetze und Grenzen, und auch an die Grenzen des Wissens seiner Zeit, hat Fabre d'Olivet, wie jeder denkende Mensch, gewiss auch viele Fehlschlüsse getan; dass aber eine so bedeutende, intensive Denkkraft aus dem reichen Material, das er zusammengetragen hatte, doch wohl auch Wertvolles hat zu Tage fördern müssen, liegt auf der Hand. Es dürfte sich lohnen, dieses näher zu untersuchen. Aus den Vers dorés de Pythagore spricht eine starke Persönlichkeit zu uns, oder, um es näher zu präzisieren, starke Überzeugungen erkannter Wahrheiten. Die intensive Anteilnahme an den Fragen, die er behandelt, tritt deutlich hervor. Für Fabre d’Olivet war das Denken Erleben, und seine Lebensziele fallen mit seinen geistigen Bestrebungen zusammen. Wir müssen in einem kurzen Lebensabriss dem Menschen Fabre d'Olivet etwas näher treten, wenn wir den Schriftsteller in seiner Entwicklung verstehen wollen.

Antoine Fabre d'Olivet ist 1768 in Ganges (Languedoc) geboren und als Zwölfjähriger nach Paris gekommen. Sein Vater hatte ihn für den kaufmännischen Beruf bestimmt. Er wandte sich aber bereits 1789 der Literatur zu und beschäftigte sich später ausschließlich mit metaphysischen und philologischen Studien. Les vers dorés de Pythagore sind 1813 erschienen. Die Stürme der Revolution waren verrauscht, mit ihrem Streben nach ungebundener Freiheit, ihrem Niederreißen aller Bindungen, die dem Staatsbürger und Menschen die äußere und innere Struktur gegeben hatten. Weder mit den Prinzipien noch mit den Zielen dieser Bewegung hat Fabre d'Olivet sich in Einklang zu setzen vermocht, er hatte mit den Auswüchsen und dem Überlebten zugleich viele erworbene Veredlung und Kulturwerte in Scherben schlagen sehen. Sein unabhängiger Charakter und seine kritische Veranlagung ließen ihn auch stets in einem bewussten Gegensatz zu den ehrgeizigen Plänen Napoleons Stellung nehmen, und die neuen, nicht organisch gewachsenen Formen, die des Kaisers eiserne Hand dem Wachs des Volkskörpers aufzudrücken suchte, konnten kein Verständnis bei ihm finden. Obgleich Fabre d'Olivet nie politisch hervorgetreten war, betrachtete Napoleon ihn seiner Ideen wegen als staatsgefährlich und setzte seinen Namen auf die Liste der zur Deportation an die unwirtlichen Küsten Afrikas verurteilten Missliebigen. Der Groll des Kaisers ist vielleicht darauf zurückzuführen, dass Fabre d'Olivet, der 1802 einen Posten im Kriegsministerium und später im Ministerium des Innern bekleidet hat, diese Stellung aufgab, weil er nicht gewillt war, ein seinen Überzeugungen zuwiderlaufendes amtliches Schriftstück aufzusetzen. Ein glücklicher Zufall bewahrte ihn vor der Deportation. Er hat von dieser Zeit an nur noch seinen Studien gelebt und in verhältnismäßig rascher Aufeinanderfolge seine drei größeren Werke zum Abschluss gebracht. Im Jahre 1825 ist er in Paris gestorben.

Eingehende vergleichende Forschungen hatten Fabre d'Olivets Aufmerksamkeit auf eine auffallende Übereinstimmung in den religiösen, kosmogonischen und metaphysischen Anschauungen der Völker der alten Kulturwelt gelenkt. Nicht psychologisch im menschlichen Denken begründete Schlussfolgerungen allein liegen seiner Ansicht nach diesen Übereinstimmungen zu Grunde, sie beruhen vielmehr auf einer gemeinsamen Tradition und engen Kulturzusammenhängen. Hinter den Mythen und mythischen Persönlichkeiten stehen für ihn historische Ereignisse und Persönlichkeiten, nicht nur allegorische Abstraktionen. In seinem 1822 erschienenen Werk: De l'état social de l'homme, ou vues philosophiques sur l'histoire du genre humain sucht er diese mystischen und mythologischen Persönlichkeiten von dem Legendenhaften zu befreien und ihre historische Existenz und ihren Einfluss auf die geschichtliche Entwicklung festzustellen, gerät aber hiermit auf das Gebiet der Spekulation. Er gelangt andererseits durch scharfsinnige Auslegung der Überlieferungen zu manchen Resultaten, die sich in überraschender Weise mit den Ergebnissen der heutigen wissenschaftlichen Forschung decken, und findet in den Sagen oft den Schlüssel zu historischen Tatsachen, an denen die Wissenschaft seiner Tage achtlos vorübergegangen ist. So setzt er beispielsweise die Wiege der germanischen Völker an die Küste des baltischen Meeres, entgegen der Ansicht seiner Zeit, die ihr Asien als Heimat zugewiesen hatte. Dass enge Zusammenhänge, gegenseitige Berührungen und Beeinflussungen zwischen den Kulturkreisen der alten Völker existiert haben, ist uns heute geläufig; aber auch heute noch sind es tiefe, dunkle Brunnen, aus denen die Wissenschaft schöpfen muss, und zu ihren letzten Tiefen, die aus der Hypothese das Wissen machen, ist sie noch nicht gelangt, die Geschichte hört zu früh auf, um die Entwicklung des Gewordenen bis zu den Anfängen zu verfolgen. Die in enger Verbindung stehenden drei ältesten Kulturkreise, die wir kennen, der babylonische, ägyptische und mykenische, sind noch immer für uns in tiefes Dunkel gehüllt. In der Überlieferung von dem Turmbau zu Babel — und es gibt keine Überlieferung, die bloß ersonnene Legende ist — liegt doch wohl ein Hinweis auf eine feste, geschlossene Gemeinsamkeit, wohl auch der geistigen Bestrebungen großer Völker- und Kulturkreise, einer der historischen Forschung noch nicht erschlossenen Zeit. Doch das sind nur Mutmaßungen, und die Wissenschaft verhält sich mit Recht skeptisch zu allem, was nicht durch greifbare Beweise bis zur Evidenz erwiesen werden kann. Fabre d'Olivet aber stand die exakte Forschungsmethode der heutigen Wissenschaft nicht korrigierend und leitend zur Seite.

Die Ergebnisse seiner philologischen Untersuchungen führten Fabre d'Olivet zu der Überzeugung, bestimmte Richtlinien gefunden zu haben, die ihn in den Stand zu versetzen vermochten, die gemeinsamen Wortwurzeln der alten Sprachen festzustellen. Er hat das aber in rein philosophisch-deduktiver, seinem subjektiven Denken entspringender Konzeption getan, nicht auf fester, etymologischer Grundlage. Hierauf hat er sein umfangreiches Werk: La langue hébraïque restituée und den Versuch einer Übersetzung der ersten zehn Kapitel des Bereshith (der Genesis des Moses) aufgebaut, ein Werk von großer Gedankentiefe und -kraft, aber wissenschaftlich nicht genügend begründetem Fundament. Fabre d'Olivet wäre übrigens der Erste gewesen, die eigenen Fehler einer begründeten Kritik gegenüber zuzugeben; er weist in den Erläuterungen zu den goldenen Versen des Pythagoras auf die Grenzen hin, die jedem noch so großen und tiefen Denker gesetzt sind, und hätte gewiss nicht für sich eine Ausnahme von der Regel in Anspruch genommen, die er aufstellt, die tief im Wesen der Persönlichkeit begründet ist und das Irren dem Suchen zugesellt. Während Fabre d'Olivet in der Langue hébraïque restituée und im État social de l'homme sich zur Beweisführung fast ausschließlich auf die Ergebnisse seines eigenen etymologischen Systems stützt, verfährt er in den Vers dorés de Pythagore in ganz anderer Weise. Er stellt hier keine einseitige Behauptung auf, die er nicht durch den Hinweis auf eine diesbezügliche Stelle in den Werken der alten Schriftsteller erhärtet, der alten sowohl wie der neueren, denn er verfolgt die Stellungnahme aller bedeutenden Philosophen zu den Grundfragen, die die denkende Menschheit bewegt haben, bis auf seine eigenen Tage. Diese Quellenangaben sind in der vorliegenden Übersetzung genau nach dem französischen Original wiedergegeben, ihre kritische Untersuchung in Bezug auf die richtige Interpretation durch Fabre d'Olivet steht dem Leser, nicht dem Übersetzer zu. Ausgehend von der Lehre des Pythagoras spürt Fabre d'Olivet ihren Wurzeln nach, und zieht alles heran, was die griechischen und lateinischen Autoren und die Kirchenlehrer über die Mysterien berichten. Er führt uns das ihm vorschwebende Bild von dem Wesen, den Lehren und den nicht nur inneren, sondern auch bewussten Zusammenhängen der Geheimlehren der alten Welt mit großer Klarheit vor Augen.

Fabre d'Olivet glaubte in den Weisheitslehren des Altertums das Ideal gefunden zu haben, dem er aus einer zerrissenen, mit sich selbst zerfallenen Zeit sehnsüchtig zustrebte. Die ungewisse Zukunft schwebt im goldenen Licht, als goldenes Zeitalter, nur dem Schwärmer und Weltverbesserer vor, der den ersten Schritt vorwärts in der Zertrümmerung des Bestehenden erblickt. Den historisch geschulten Sinn zieht es in Zeiten des Tiefstands zu den erprobten und bewährten sittlichen Gütern, welche die Ideenwelt hochstehender Kulturen ihm bietet, aus der die seinige organisch hervorgewachsen ist. Nur in den starken, neuen Trieben des eigenen Keimes, nicht in der Aufpfropfung des Wesensfremden, ist ihm Renaissance, in der historischen Bedeutung des Worts, als Entfaltung zu hoher Blüte denkbar. Das Ideal des Yogi, nach dem heute eine Welle der geistigen Strömung tastend langt, wird in seinen Augen für den europäischen Menschen niemals die Bedeutung einer befreienden, Leben erzeugenden Wahrheit besitzen können, denn es ist dem letzteren so fern und fremd wie die indische Seele selbst: die Saite, die in ihr vibriert, löst nur Farben, nicht Ton, in der seinen aus. Welche innere Verwandtschaft erschließt ihm ihre Tiefe? Es ist nur ihr Antlitz, das er schaut, und das ihn ansieht wie das Märchen in unseren Kindertagen, nicht mit dem Reiz der Neugier, aber mit dem Zauber des Unergründbaren und Geheimnisvollen, das wir mit den eigenen Farben ausmalen. Die Disziplin des Yogi ist eine andere als jene Selbstdisziplinierung, die aus den Lehren des Altertums vor allem andern hervorleuchtet und für uns den Ausdruck und Gradmesser und das Rückgrat aller wahren Kultur bedeutet; sie ist eine Betonung der Persönlichkeit und strebt ihre Entwicklung zur höchsten Aktivität auf der Grundlage der inneren Bindungen an. Die Disziplin des Inders bezweckt die Loslösung und Befreiung von dem Persönlichen und steht im schärfsten Gegensatz zu der Charakterschulung des Pythagoras.

 

Antoine Fabre d'Olivet strebte mit ganzer Seele
und großer Aufrichtigkeit nach Erkenntnis
und glaubte an die von ihr ausgehenden sittlichen
und erlösenden Kräfte im Sinn der pythagoreischen Lehre.
Seiner Ansicht nach ist das Organ,
mit welchem wir die Erkenntnis erfassen,
nicht der Verstand und auch nicht die Vernunft;
er setzt es in ein höheres geistiges Vermögen des Menschen,
in das der inneren Beurteilungs- und Bejahungsfähigkeit
des wirklich Wahren und Guten.

 

Aber die Beantwortung der Frage, ob diese Selbsterlösung, dieses Einswerden mit der Lichtnatur, auf das die letzten Strophen der goldenen Verse hinweisen, in den Grenzen des menschlichen Könnens liegt und durch die Erkenntnis erreicht werden kann, gehört nicht mehr in das Gebiet der Philosophie, sondern in das der Religion.


Fabre d’Olivet selbst sagte über

die Goldenen Verse des Pythagoras folgendes:


Die Alten pflegten alles, was ihnen vollkommen schön und fehlerlos erschien, mit dem Gold zu vergleichen: sie verstanden unter der Bezeichnung das goldene Zeitalter die Zeit, in welcher Glück und Tugend herrschten, und unter den goldenen Sprüchen diejenigen, welche die reinste Lehre enthielten. Diese Sprüche haben sie stets dem Pythagoras zugeschrieben, obwohl sie wussten, dass nicht er, sondern einer seiner Schüler ihr Verfasser war, der die Lehre, die er aus dem Munde des Meisters vernommen, getreu in ihnen niedergelegt hatte. Dieser Schüler, Lysis, zeichnete sich nicht nur durch sein reiches Wissen aus, ihn schmückte vor allem die Treue, mit welcher er an der Lehre des Pythagoras hing. Nach dem Tode des Philosophen gewannen seine Gegner vorübergehend die Oberhand; gegen seine Anhänger setzten in Kroton und Metapont furchtbare Verfolgungen ein und kosteten vielen das Leben; ein großer Teil der Pythagoreer wurde von den Trümmern der in Brand gesteckten Schule begraben, ein anderer fiel in dem Tempel der Musen dem Hungertod zum Opfer. Lysis war es gelungen, nach Griechenland zu flüchten. Um der Sekte der Pythagoreer, die auch hier heftigen Verleumdungen ausgesetzt war, neue Anhänger zu gewinnen, hielt er es für geboten, die Grundlagen der Moral und die hauptsächlichsten Lebensregeln des berühmten Mannes in einer Art Formel zusammenzustellen. Diesem mutigen Eintreten verdanken wir die philosophischen Verse, die man aus den angeführten Gründen die goldenen nannte. Sie sind das einzige wirklich Authentische, das uns von einem der größten Geister des Altertums geblieben ist. Hierokles, hat sie uns mit einem umfangreichen gelehrten Kommentar überliefert; er stellt ausdrücklich fest, dass sie die Ansichten nicht eines Einzelnen sind, sondern die Lehre der gesamten heiligen Gemeinschaft der Pythagoreer, ihr gemeinsamer Schlachtruf. Eine Vorschrift, fügt er hinzu, gebiete jedem, die Sprüche morgens und abends zu lesen. Es geht auch aus verschiedenen Stellen in den Schriften Ciceros, Horaz', Senecas und anderer glaubwürdiger Schriftsteller hervor, dass diese Vorschrift noch zu ihrer Zeit befolgt worden ist. Gallenos erwähnt in seiner Abhandlung über die Seele und ihre Erkrankungen, dass er die Sprüche täglich am Morgen und Abend lese und sie sich danach auswendig hersage. Das Werk trug Lysis eine große Berühmtheit in Griechenland ein; er wurde zum Lehrer des Epaminondas berufen und gewann dessen Freundschaft. Dass er seinen Namen nicht unter die Schrift gesetzt hat, hängt damit zusammen, dass man zu jener Zeit auf die Sache und nicht auf die Person Gewicht zu legen pflegte: man beschäftigte sich mit der Lehre des Pythagoras, nicht mit dem Talent des Lysis, der sie vortrug. Die Schüler eines großen Mannes hatten keinen anderen Namen als den seinen. Dies erklärt, woher es kommt, dass so unendlich viel Bücher dem Vyasa in Indien, Hermes in Ägypten, Orpheus in Griechenland, zugeschrieben worden sind. Ich habe mich bei der Übersetzung an den griechischen Text gehalten, den Hierokles am Anfang seines Kommentars bringt, dieser ist von seinem Sohn Casanbonus kommentiert, von J. Curterius lateinisch interpretiert. (Londoner Ausgabe 1675.) Wie alle auf uns gekommenen Werke der Alten ist auch dieses Gegenstand vieler kritischer und grammatikalischer Untersuchungen gewesen. Es galt vor allem den Text kritisch festzustellen. Das ist möglichst genau und korrekt durchgeführt worden; die wenigen noch vorhandenen Varianten sind von zu geringer Bedeutung, um sich bei ihnen aufzuhalten; es ist auch nicht meine Aufgabe. Die Arbeit der Grammatiker ist gemacht und sollte als abgeschlossen betrachtet werden. Man gelangt zu keinem Abschluss, wenn man dasselbe immer von neuem durcharbeitet, ohne die von anderen bereits geleistete Arbeit in Betracht zu ziehen. Ich werde daher keine kritische Untersuchung des Textes vornehmen, den ich für genügend untersucht halte, auch nicht einen Kommentar im engeren Sinn bieten, denn es genügen meiner Ansicht nach die Kommentare über die 71 Verse des Hierokles, Vitus Amerbachius, Th. Marcilius, H. Brem, Michael Neander, Jan Straselius, Wilhelm Diezius, Magnus Daniel Omeis, André Dacier u. a. Ich will untersuchen und nicht kommentieren, um den inneren Sinn der Verse zu erklären und zu ihrem volleren Verständnis zu führen.

Antoine Fabre d’Olivet

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